Zur Frage der Podiumsdiskussion, die von der Arbeitsgruppe meiner Meinung nach hervorragend vorbereitet wird, möchte ich zwei Überlegungen meinerseits beitragen.
Als erstes meine ich, dass diese Diskussion eine geeignete Gelegenheit wäre, von den Politikern zu fordern, dass sie klar formulieren, was sie unter "Freie Szene" überhaupt verstehen und was sie davon erwarten. Ich habe nämlich den Verdacht, dass die bereits angesprochene Instrumentalisierung der Idee der Freien Szene quasi als Werbemassnahme für die Kulturhauptstadtbewerbung nicht ohne
Zusammenhang und Hintergrundgedanke betrieben wird. Für die Veranstaltung "Atelier Europa" Anfang dieses Jahres in München hat Marion von Osten ein Gespräch mit Elke Ritt, Leiterin des "Arts & Creative Industries"-Programms des British Council in Berlin, geführt, das mir beim übersetzen richtig gegraust hat (http://www.ateliereuropa.com/4.1_ritt.php). In diesem Gespräch geht es darum, wie Deutschland dem Beispiel Grossbritanniens folgen könnte, indem die "creative industries" als "Wirtschaftsfaktor" zur Erhöhung der städtischen Attraktivität gefördert werden sollen. Da ich die diesbezüglichen Entwicklungen in Grossbritannien alles andere als nachahmungswürdig finde, meine ich, dass es wichtig wäre, mögliche ähnliche Bestrebungen hier vorzubeugen.
Umgekehrt denke ich, dass die Definitionsfrage ebenso für die Beteiligten im Raum steht, so wie es Fadi mit der Frage des Vertreten-seins angesprochen hat. In diesem Sinne möchte ich beschreiben, was mir - als nicht offensichtlich Betroffene - die Freie Szene bedeutet. Vielleicht lassen sich aus mehreren Beschreibungen sinnvolle Forderungen ableiten.
Als Übersetzerin mit Schwerpunkt "zeitgenössische Kunst und neue Medien" arbeite ich international in ständig wechselnden Zusammenhängen, teilweise durch Kontakte mit KuratorInnen und AutorInnen, teilweise mit verschiedenen Kunstinstitutionen im ganzen deutschen Sprachraum. Naturgemäss ist meine Arbeit eine vermittelnde Tätigkeit, und obwohl ich den Austauch mit spannenden AkteurInnen im Kunstgeschehen sehr schätze, komme ich immer erst dazu, wenn etwas fertig ist - zumindest als Konzept. Umso wichtiger ist es mir, dass die Freie Szene für mich quasi als Identifikationsmoment funktionieren kann, dass ich beim Weiterziehen durch die verschiedenen Projekten und Institutionen ein Gefühl der Zugehörigkeit behalten kann. Zudem ist es mir wichtig, durch dieses Gefühl der Zugehörigkeit auch etwas vom Entstehenden mitzubekommen. Gespräche zu einem Zeitpunkt als noch gar nichts fertig ist, als Ideen gerade erst ausgebrütet werden, sind anders, tragen aber dazu bei, dass ich Intentionen und Anliegen auch in anderen Zusammenhängen besser verstehen kann.
Damit es aber überhaupt zu den "fertigen" Konzepten und Projekten kommen kann, bedarf es einen Freiraum, wo etwas ausprobiert werden kann. Was geht, was geht nicht? Wie Rubia einmal gesagt hat, ein Experiment birgt immer das Risiko des Scheiterns, sonst ist es kein Experiment. Ohne Experimente, ohne die Freiheit, dass einmal etwas richtig schief gehen kann, kann nichts Neues entstehen, nichts, das wirklich wichtige Fragen aufwirft und andere Sichtweisen einbringt. Um diese Freiheit zu bewahren, bedarf es aber mehr als nur Subventionen - und wenn sie noch so grosszügig wären. Es bedarf eine viel grundlegendere Sicherheit, die auch eine aufrichtige und spürbare Wertschätzung beinhaltet.
Was mir ein Gefühl der Zugehörigkeit auch noch bringt, ist die Möglichkeit, "alternativen Oekonomien" auszuprobieren: ich finde es tatsächlich interessanter, wenn ich die Arbeit und Bestrebungen anderer Menschen, die diese Zugehörigkeitsgefühl teilen, mit meinen Möglichkeiten - Sprachkenntnisse, Kontakte, etc. - auf Tauschbasis unterstützen kann. Das heisst natürlich nicht, dass ich mich ausbeuten lassen will, aber es gibt doch vielfältige und verschiedene Kooperationsmöglichkeiten, die ausprobiert werden können. Voraussetzungen dafür sind allerdings eben die Möglichkeit eines Zusammengehörigkeitsgefühl wie auch der angesprochene Freiraum.
Kann man Wertschätzung und Freiraum überhaupt von Politikern fordern? Möglicherweise brauchen sie eine Art Üersetzung, um das zu verstehen - an der ich auch gerne mitarbeiten würde.